Leseprobe aus der CD-ROM "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Zu den bedeutendsten amerikanischen Schriftstellerinnen gehört Gertrude Stein (1874–1946). Aus ihrer Feder stammen Prosagedichte, Romane, ein Operntext, Essays, Kritiken und Reportagen. Durch Wiederholung von Satzteilen, Verzicht auf Interpunktion, Bevorzugung der Verben und assoziative statt logische Vertiefungen schuf sie einen Stil, mit dem die amerikanische Prosa des 20. Jahrhunderts begann. Während ihrer Zeit in Paris entdeckte und förderte sie zahlreiche Künstler.
Gertrude Stein war das jüngste von siebten Kindern einer reichen deutsch-jüdischen Familie. Sie wurde am 3. Februar 1874 in Allegheny (Pennsylvania) geboren und als „Nesthäkchen“ verhätschelt. Ihr Vater Daniel Stein verdiente seinen Lebensunterhalt im Wollhandel. Gertrude verbrachte zusammen mit Eltern und Geschwistern ihre Kindheit in Wien und Paris, ihre Jugend in Oakland und San Francisco.
Ab 1893 studierte Gertrude Stein bei William James (1842–1910), der als Begründer des Pragmatismus gilt, Psychologie am „Radcliffe College“ in Massachusetts. Von James gewann sie die psychologische Erkenntnis, dass alles, was man sich dauerhaft einprägen will, häufiger als einmal wiederholt werden soll.
Es folgte ein Anatomiestudium an der „John Hopkins Universität“ in Baltimore. Damals verliebte sich Gertrude in May Bookstaver (1875–1950), die bereits mit Mabel Haynes liiert war, über die wenig bekannt ist. Sie hatten ein heißes Liebesdreieck, das die Inspiration für mehr als einen Roman Gertrudes hergab.
Seit 1902 lebte Gertrude Stein im Ausland. Meistens hielt sie sich in Paris auf, wo ihr berühmtes „Quartier 27“ in der „Rue de Fleurus“ zum Treffpunkt von zahlreichen Künstlern wurde. Ein Jahr lang lebte sie auch in London. 1935 unternahm sie eine Vortragsreise durch die USA.
Zusammen mit ihrem Bruder Leo Stein (1872–1947) bildete Gertrude Stein in Paris den Mittelpunkt einer Gruppe von Malern – wie Pablo Picasso (1881–1973) und Henri Matisse (1869–1954) – sowie amerikanischen Schriftstellern – wie John Dos Passos (1896–1970), Francis Scott Key Fitzgerald (1896–1940) und Ernest Hemingway (1899–1961) –, deren Stil sie stark beeinflusste und für die sie den Begriff „Lost Generation“ („Verlorene Generation“) prägte.
In Paris trugen Gertrude Stein, ihre Brüder Leo und Michel sowie ihre Schwägerin Sarah eine beachtliche Kunstsammlung zusammen. Die „vier Amerikaner in Paris“ gelten als die ersten, die die Bedeutung der Maler Picasso, Matisse und Juan Gris (1887–1927) erkannten und ihre Bilder erwarben.
Gertrude Stein besaß auch die Fähigkeit, früh außergewöhnliche literarische Begabungen zu erkennen. Um sie scharten sich in Paris unter anderem die Dichter und Schriftsteller André Gide (1869–1951), Percy Wyndham Lewis (1886–1957), Sherwood Anderson (1876–1941), Guillaume Apollinaire (1880–1918), Blaise Cendrars (1887–1961), Thomas Stearns Eliot (1888–1965) und Ford Madox Ford (1873–1939).
Anfangs wussten nur wenige Leser mit den gewagten Wortspielen Gertrude Steins etwas anzufangen. Ihr Buch „Tender buttons“ (1914) mit Prosagedichten – unter dem Titel „Zarte Knöpfe“ (1972) auch in deutscher Sprache erschienen – wurde von Kritikern verrissen, weil diese den Sinn und die Bedeutung ihrer Wortlandschaften sowie der Endloswiederholungen nicht erkennen konnten.
Als Gertrude Steins erfolgreichste Romane gelten „The making of Americans“ (1925), „Lucy Church amiably“ (1930) und „Things as they are“ (1950). Von ihr stammt auch der Operntext „Four saints in three acts“ (1934), zu dem der amerikanische Komponist Virgil Thomson (1896–1989) die Musik beisteuerte. Außerdem verfasste sie die Essays und Kritiken „Geography and plays“ (1922), „An Acquaintance with description“ (1924), „Composition as explanation“ (1926), „How to write“ (1931), „Lectures in America“ (1935, deutsch: „Was ist englische Literatur und andere Vorlesungen in Amerika?“, 1965), „Narration“ (1935, deutsch: „Erzählen“, 1971), „Anciens et Moderns: Picasso“ (1938, deutsch 1958) und „Paris France“ (1940). Von ihren Reportagen sind „Wars I have seen“ (1945) und „Brewsie and Willie“ (1946) besonders erwähnenswert.
In Deutschland sind vor allem Gertrude Steins Bücher „The autobiography of Alice B. Toklas“ (1933, deutsch: „Autobiographie der Alice B. Toklas“, 1956) und „Three Lives“ (1909, deutsch: „Drei Leben“, 1960) bekannt
geworden. In ersterem Werk schilderte sie aus der Sicht ihrer Lebensgefährtin und Sekretärin, Alice B. Toklas (1877–1967), mit der sie seit 1912 zusammen war, ihr eigenes Leben. In letzterem Band präsentierte sie schlicht und raffiniert einfach konstruierte Erzählungen, die sich wie Volksliedtexte mit ihren Refrains lesen.
Gertrude Steins am meisten zitierter und viel belächelter Satz lautete: „A rose is a rose is a Rose“ („Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“). Dieser Ausspruch gilt als der erste Schritt, mit Mitteln der modernen Psychologie literarisches Neuland zu betreten. Dabei ging sie davon aus, dass das, was sich dauerhaft einprägen sollte, häufiger als einmal wiederholt werden musste.
Am 27. Juli 1946 starb Gertrude Stein im Alter von 72 Jahren in Paris. Man begrub sie auf dem Friedhof „Pére Lachaise“. Über Gertrude Stein sind mehr als ein halbes Dutzend Biographien erschienen. Man nannte sie unter anderem „Mutter der verlorenen Generation“, „Muse der Moderne“, „Mama of Dada“, „Hohepriesterin vom linken Seine-Ufer“ „Weiblicher Sokrates“ und „Die dritte Rose“.
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