Leseprobe aus der CD-ROM "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:

Eine der besten deutschen Charakterdarstellerinnen war Therese Giehse (1898–1975), geborene Gift. Bereits Mitte der 1920-er Jahre stellte sie als junge Frau auf der Bühne gerne und überzeugend komische Alte dar. Solche Rollen schienen ihr auch später wie auf den Leib geschrieben. Sie galt von 1949, als sie erstmals nach der Emigration wieder in München auftrat, bis zu ihrem Tod ihm Jahre 1975 als große Mutterdarstellerin des deutschen Theaters. Erfolge feierte sie auch im Kabarett, Film und Fernsehen.

Therese Gift wurde am 6. März 1898 als Tochter des jüdischen Kaufmanns Salomon Gift in München geboren. Ihre gutbürgerlichen Eltern wollten sie davon abbringen, zum Theater zu gehen, weil sie doch überhaupt nicht schön sei. Doch die schon früh eigensinnige Therese folgte ihrem eigenen Willen und finanzierte mit Büroarbeit ihren privaten Schauspielunterricht.

Nach etlichen Lehr- und Wanderjahren mit Engagements in Landshut, Siegen, Gleiwitz, der „Bayerischen Landesbühne“ und Breslau wechselte Therese Giehse 1926 an die von Otto Falckenberg (1873–1947) geleiteten „Münchner Kammerspiele“, an denen sie bis 1933 wirkte. Zu ihren Bewunderern gehörten bald nicht nur Thornton Wilder (1897–1975), Karl Kraus (1874–1936) und Thomas Mann (1875–1955), sondern auch Nazis, die in Unkenntnis ihrer Herkunft „Endlich ein deutsches Weib in diesem verjudeten Haus!“ jubelten.

Therese Giehse zählte zum Ensemble des politisch-literarischen Kabaretts „Die Pfeffermühle“ das am 1. Januar 1933 von der Schriftstellerin und Schauspielerin Erika Mann (1905–1969) in München gegründet wurde. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 in Deutschland emigrierten Klaus und Erika Mann sowie Therese Giehse noch im selben Jahr nach Zürich.

1936 heiratete Therese Giehse den homosexuellen britischen Schriftsteller, John Hampson-Simpson (gest. 1955), um einen englischen Pass zu erhalten, da sie von den Nazis ausgebürgert worden war. Zu dieser Zeit hatte sie mit Erika Mann eine lesbische Liebesbeziehung. „Die Pfeffermühle“ gab bis 1937 insgesamt 1034 Vorstellungen in sieben Ländern. Sie löste sich nach einer enttäuschend verlaufenen Amerikatournee auf.

Ab 1937 arbeitete Therese Giehse am Schauspielhaus Zürich. Dort wirkte sie in zwei Uraufführungen von Stücken des deutschen Schriftstellers und Regisseurs Bertold (Bert) Brecht (1898–1956) mit: 1941 als „Mutter Courage“ und 1948 als Schmuggler-Emma in „Herr Puntila und sein Knecht Matti“. Außerdem sah man sie 1943 als Hausbesitzerin Mi-Tzü in Brechts Stück „Der gute Mensch von Sezuan“.

Bert Brecht, der Therese Giehse in der Zürcher Uraufführung seines „Puntila“ gesehen hatte, bot ihr an, in das neugegründete Berliner Ensemble einzutreten. Dort spielte sie die Titelrolle in „Wassa Schelesnowa“ (1949). Ihretwegen fasste Brecht den „Biberpelz“ und dessen Fortsetzung „Der Rote Hahn“ von Gerhart Hauptmann (1862–1946) in einem Stück zusammen. Brecht lobte sie als „die größte Schauspielerin in Europa“. Warum Therese Giehse nach 1952 nicht mehr in Ost-Berlin auftrat, ist unbekannt.

Ab 1950 gehörte Therese Giehse wieder den „Münchner Kammerspielen“ an. Bei den Zürcher Uraufführungen des „Besuchs der alten Dame“ (1956) und der „Physiker“ (1962) des Schweizer Dramatikers Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) spielte sie die weiblichen Hauptrollen. Es heißt, Dürrenmatt habe ihr die Rolle der „Alten Dame“ auf den Leib geschrieben. Große Erfolge hatte Therese als Mutter Wolffen in „Der Biberpelz“ und Frau John“ in „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann.

Auf der Leinwand war Therese Giehse unter anderem in den Filmen „Die verkaufte Braut“ (1932), „Die letzte Chance“ (1945), „Herz der Welt“ (1952), „Ferien in Tirol“ (1956), „Mädchen in Uniform“ (1958), „Sturm im Wasserglas“ (1960), „Lacombe, Lucien“ (1974) und „Black Moon“ (1975) zu sehen. Für ihre Darstellung in „Kinder, Mütter und ein General“ erhielt sie 1955 das „Filmband in Silber“. Im Fernsehen mimte sie die Blumenfrau Vogl in „Sturm im Wasserglas“ und trat 1973 in der Serie „Münchner G’schichten“ auf, bei der Helmut Dietl die Regie führte.

Nach einer Augenoperation starb Therese Giehse am 3. März 1975 im Alter von 76 Jahren in München unerwartet an Nierenversagen.

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