Leseprobe aus der CD-ROM "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Italiens erste Ärztin und bedeutendste Pädagogin war Maria Montessori (1870–1952). Ihr Ruhm basiert auf der Entdeckung des nach ihr benannten „Montessori-Phänomens“. Darunter versteht man die Konzentration von Kleinkindern bei manuellen Aufgaben, bei denen sie die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes „be-greifen“. In den 1950-er Jahren galt die zierliche Pädagogin als Anwärterin auf den Friedensnobelpreis.
Maria Montessori kam am 31. August 1870 als Tochter des Finanzbeamten Cavaliere Montessori und seiner Frau Renilde Stoppani in Chiaravalle bei Ancona zur Welt. Ihrem Vater gelang es später, ihr den Besuch eines Gymnasiums in Rom zu ermöglichen, was damals eine kleine Sensation darstellte. Maria verstieß als Jugendliche oft gegen die strengen Sitten der „Ewigen Stadt“, weil sie ohne jede Begleitung durch die Straßen ging.
Als mathematisches Wunderkind sollte Maria Montessori eigentlich Ingenieurin werden. Deshalb begann sie in Rom ein mathematisches Studium, beendete jedoch dieses, nachdem sie durch den Anblick eines zerlumpten Bettlers mit einem todkranken Kind auf dem Arm tief gerührt wurde und beschloss, künftig armen Kindern zu helfen.
Damals erregte es schon großes Aufsehen, dass eine Frau überhaupt studierte. Eine noch größere Sensation war es, als Maria Montessori ein Medizinstudium begann und sich auf den Arztberuf vorbereitete. Eine Frau, die Leichen sezierte, galt damals als unmöglich.
1896 erwarb Maria Montessori als erste Italienerin in Rom den medizinischen Doktorgrad. Ab 1898 lehrte sie an einer staatlichen Lehrerbildungsanstalt für geistig behinderte Kinder. Seit 1900 wirkte sie auch an der Universität Rom, wo sie von 1904 bis 1907 einen „Lehrstuhl für Frauenemanzipation und Abschaffung der Kinderarbeit“ einrichtete.
Die „Dottoresa“ Maria Montessori war nach dem Besuch von Heimen und Schulen entsetzt über die Kinder, die dort „wie Schmetterlinge, die man auf Stecknadeln aufgespießt hat“ unbeweglich auf ihren Bänken sitzen mussten. Sie war überzeugt davon, dass das Lernen mit den Händen und nicht mit dem Hirn beginnt und plädierte für Freiheit und Ungezwungenheit, damit die Kinder durch Basteln und Handarbeit „spielend“ lernen.
Maria Montessori befasste sich anfangs unter anderem mit der Erziehung geistig Behinderter. 1907 gründete sie im römischen Armenviertel San Lorenzo ein Kinderhaus („Casei dei Bambini“) für drei- bis sechsjährige Arbeiterkinder, das sie 1911 um eine Schule erweiterte. Damals entdeckte sie das „Montessori-Phänomen“, nämlich die Konzentration von Kleinkindern bei manuellen Aufgaben, bei denen sie die Dinge „be-greifen“.
Auch an der Berliner Universität versuchte Maria Montessori in den 1930-er Jahren neue Wege in der Kindererziehung zu weisen. Damals erklärte sie: „Die kindliche Seele ist zart. Mehr als alle anderen muss man sie schützen, denn sie hat nicht die Kraft, sich gegen Unterdrückung durch die Erwachsenen zu wehren. Aber als wir das Kind erzogen, gaben wir ihm alle unsere Irrtümer mit, und sie hinterließen unaustilgbare Spuren. Denn alles Gute und Böse im Menschen hat in der Kindheit seinen Ursprung. Wir werden sterben, doch unsere Kinder werden an den Folgen des Bösen leiden, – es hat ihre Seele für immer entstellt“.
Von der faschistischen Diktatur in Italien wurde Maria Montessori 1933 ins Exil getrieben. 1934 schloss man die zahlreichen Schulen in ihrem Heimatland, die nach ihrer Methode arbeiteten, da sich deren pädagogische Ziele nicht mit denen des Faschismus deckten.
Maria Montessori emigrierte und erlebte als 66-Jährige mit den Kindern ihres Adoptivsohnes Mario in Spanien den Bürgerkrieg. Nach dem Aufwachen las sie eines Morgens an der Wand ihres Hauses die Worte: „Nicht betreten, hier wohnt die Freundin der Kinder!“ Niemand krümmte ihr ein Haar. Danach fand sie in Indien, den USA, Großbritannien und schließlich in den Niederlanden Aufnahme und neue Wirkungsstätten. 1947 kehrte sie nach Italien zurück.
Aus Maria Montessoris Feder stammen die Werke „Selbständige Erziehung im frühen Kindesalter“ (1909), „Antropologia pedagogica“ (1910), „Mein Handbuch“ (1914), „Montessori-Erziehung für Schulkinder“ (Band 1, 1926), „Das Kind in der Familie“ (1926), „Kinder, die in der Kirche leben“ (1929), „Kinder sind anders“ (1938), „Das kreative Kind. Der absorbierende Geist“ (1949) und „Die Entdeckung des Kindes“ (1950). Ihre Werke wurden in 22 Sprachen übersetzt.
Am 6. Mai 1952 starb Maria Montessori im Alter von 81 Jahren in Noordwijk-aan-Zee (Niederlande). Für viele Zeitgenossen war ihr Name bereits damals eine Legende. Nach ihrem Tod leitete ihr Adoptivsohn Mario als Präsident der internationalen „Montessori-Gesellschaft“ mit Sitz in Amsterdam die Organisation.
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