Leseprobe aus der CD-ROM "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Eine der bedeutendsten Psychoanalytikerinnen Deutschlands ist die aus Dänemark stammende Dr. med. Margarete Mitscherlich-Nielsen, geborene Nielsen. Ihr Interesse an der Psychoanalyse ist durch ihren Mann Alexander Mitscherlich (1908–1982) aktiviert worden. Die Wissenschaflerin machte sich auch als kompetente Frauenrechtlerin einen Namen. Sie kämpft gegen „falsche Friedfertigkeit“ von Frauen. „Emanzipation ist etwas, was ich durchsetzen wollte“, sagte sie.
Margarete Nielsen kam am 17. Juli 1917 als Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin in Graasten (Dänemark) zur Welt und ist in Dänemark und Deutschland aufgewachsen. Ihr Vater war ein nationalbewusster, aber durchaus toleranter Däne. 1937 absolvierte sie in Flensburg (Schleswig) ihr Abitur, danach studierte sie zuerst Deutsch und Geschichte, später Medizin in München und Heidelberg. 1944 machte sie in Heidelberg ihr Staatsexamen.
Ab 1951 arbeitete Margarete Nielsen zusammen mit dem Arzt, Psychoanalytiker und Sozialpsychologen Alexander Mitscherlich an der von ihm geleiteten psychosomatischen Klinik in Heidelberg. 1949 kam ihr gemeinsamer Sohn Mathias zur Welt. 1950 promovierte Margarete Nielsen in Tübingen zum „Doktor der Medizin“. In den 1950-er Jahren erfolgte in Heidelberg, Stuttgart und London ihre psychoanalytische Ausbildung.
Margarete Nielsen und Alexander Mitscherlich haben 1955 geheiratet. Damals untersuchten beide gemeinsam den Massenwahn zur Zeit des „Dritten Reiches“. 1967 zog das Ehepaar nach Frankfurt am Main, wo Margarete Mitscherlich am 1960 gegründeten Sigmund-Freud-Institut lehrte. Das Forscherpaar verfasste das Buch „Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens“ (1967).
In diesem Werk fragten Alexander und Margarete Mitscherlich, ob der Mensch nicht „einen der folgenschwersten Fehlwege der Evolution“ darstelle, „durch den das Prinzip des Lebendigen seiner Aufhebung entgegenstrebt“. Die Reaktionen reichten von Empörung bis zur Nachdenklichkeit. Mit der pessimistischen Prognose wurde sie bei Machern berüchtigt, bei Denkern berühmt.
1972 folgte Margarete Mitscherlichs Publikation „Müssen wir hassen?“, in der sie ihre eigene Forschungsarbeit behandelte. Einige Jahre später setzte sie sich in ihrem Sammelband „Das Ende der Vorbilder“ (1978) mit der Problematik der Idealisierung auseinander. Dabei vertrat sie die Ausgangsthese: „Wir alle brauchen Ideale, Vorbilder, Ziele, an denen wir uns orientieren, nach deren Verwirklichung wir streben können. Ohne sie sind wir einem Gefühl der Leere ausgesetzt, und das lebendige Interesse an den Dingen der Welt und an unseren Mitmenschen geht verloren.“
Unter Margarete Mitscherlichs zahlreichen weiteren Veröffentlichungen ragt das Buch „Die friedfertige Frau“ (1985) heraus, in dem sie das Rollenverhalten der Frau in der Politik untersuchte. Als Fortsetzung erschien später das Werk „Über die Mühsal der Emanzipation“ (1990).
Ab 1982 fungierte Margarete Mitscherlich als Herausgeberin der von ihrem Mann gegründeten Zeitschrift „Psyche“, die im „Verlag Klett-Cotta“, Stuttgart, erscheint. In ihrer Praxis für Psychoanalyse im Frankfurter Westend behandelt sie sowohl Frauen wie Männer, die an Aufklärung über ihr Gefühlsleben, über die unbewussten Motive ihrer Verhaltensweisen, das heißt an ihrer Emanzipation interessiert sind.
Margarete Mitscherlich gehört der Deutschen und der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung“ an und ist Mitglied des „P.E.N.-Zentrums“ der Bundesrepublik Deutschland sowie zeitweise des Beirates des „Hamburger Instituts für Sozialforschung“. Unter anderem erhielt sie 1982 die „Wilhelm-Leuschner-Medaille“ und 1983 den Kulturpreis der Stadt Flensburg und die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main (1990).
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