Leseprobe aus dem Taschenbuch "Superfrauen 5 - Wissenschaft" von Ernst Probst:
Als „große alte Dame der britischen Archäologie“ bezeichnet man in der Fachwelt respektvoll die Wissenschaftlerin Kathleen Kenyon (1906–1976). Die vom englischen Königshaus zur „Dame“ ernannte Forscherin betätigte sich vor allem im Nahen Osten erfolgreich als Ausgräberin: Sie nahm in Jericho und Jerusalem umfang- und aufschlussreiche Untersuchungen vor und verbesserte die Grabungstechnik.
Kathleen Mary Kenyon kam am 5. Januar 1906 als älteste Tochter des Papyriologen und Direktors der Bibliothek des Britischen Museums, Frederic George Kenyon (1863–1952), und seiner Frau Amy, geborene Hunt, in London zur Welt. Ihr Vater wurde später geadelt und hieß danach „Sir Frederic George Kenyon of Pradoe, Shropshire“.
Dank ihrer Courage avancierte Kathleen an der „St. Paul’s Girl School“ in London, die sie zunächst besuchte, zur Klassensprecherin. Am „Somerville College“ in Oxford studierte sie moderne Geschichte. Als Studentin spielte sie Hockey und wurde in der „University Archaeological Society“ als erste Frau zur Präsidentin gewählt.
Kurze Zeit, nachdem sie 1929 das „Somerville College“ in Oxford verlassen hatte, nahm Kathleen Kenyon als Assistentin, Fotografin und Fahrerin an einer Expedition der „British Association“ in Zimbabwe (Südrhodesien) teil. Dieses Unternehmen stand unter der Leitung der britischen Archäologin Gertrude Caton-Thompson (1888–1985).
Anschließend gehörte Kathleen Kenyon dem Team des Archäologen Mortimer Wheeler (1890–1976) und seiner Frau Tessa an, das ab Beginn der 1930-er Jahre in der römischen Stadt Verulamium bei St. Albans (Herfordshire) Ausgrabungen vornahm. Kathleen erwies sich als Wheelers tüchtigste Schülerin.
Von 1931 bis 1933 beteiligte sich Kathleen Kenyon an der Expedition unter Leitung des Altertumsforschers John Winter Crowfoot (1873–1959) in Samaria. Dabei arbeitete sie meistens allein und war für die Einführung britischer Methoden in der Region verantwortlich. Crowfoot war der Vater der Nobelpreisträgerin für Chemie 1964, Dorothy Crowfoot Hodgkin (1910–1994).
In den späten 1930-er Jahren grub Kathleen Kenyon an Fundstätten aus der Eisen- und Römerzeit in Leicester und Shropshire in Großbritannien. 1939 veröffentlichte sie in der Publikation „Palestine Exploration Quarterly“ ihre Theorien über Ausgrabungen.
Zusammen mit Morton Wheeler gründete Kathleen Kenyon 1934 an der University of London das „Institute of Archaeology“, an dem sie bis 1948 als Sekretärin und von 1942 bis 1946 als geschäftsführende Direktorin wirkte. Es war ihr Verdienst, dass diese Institution turbulente Zeiten überlebte.
Während der letzten Hälfte des Zweiten Weltkrieges leitete Kathleen Ken-yon von 1942 bis 1945 das „British Red Cross“ („Britisches Rotes Kreuz“). Nach Kriegsende kehrte sie zur Archäologie zurück. In den nächsten Jahren arbeitete sie an Fundstätten in London, Herefordshire und wieder in Leicester.
Nach 1948 wandte sich Kathleen Kenyon wieder verstärkt der Archäologie Palästinas zu. Zwischen 1948 und 1951 beteiligte sie sich an der Untersuchung phönizischer und römischer Fundstätten in Sabretha (Libyen) unter Leitung von John Ward-Perkins, des Direktors der „British School“ in Rom. Von 1951 bis 1961 leitete sie als Direktorin die „British School of Archaeology“ in Jerusalem. In dieser Stellung leistete sie einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des Fachgebietes in der Levante.
Als größte wissenschaftliche Leistung Kathleen Kenyons gelten ihre Untersuchungen im Auftrag der „British School of Archaeology“ von 1952 bis 1958 in Jericho. Diese in der Literatur als „älteste Stadt der Welt“ bezeichnete Siedlung ist bereits um 8000 v. Chr. entstanden und wurde um 7000 v. Chr. von einer mindestens sieben Meter hohen, mit steinernen Türmen bewehrten Steinmauer umgeben, die ein Areal von vier Hektar Fläche schützte, auf dem schätzungsweise 2000 Menschen lebten.
Die Grabungen in Jericho trugen wesentlich dazu bei, die Entwicklung des Menschen vom Jäger zum Mitglied einer sesshaften Gemeinschaft zu erhellen. In ihrem Werk „Archaeology in the Holy Land“ (1960) schilderte Kathleen Kenyon die Geschichte der Zivilisation in Palästina.
Seit 1961 unternahm Kathleen Kenyon zusammen mit anderen Wissenschaftlern der „British School of Archaeology“ und der „École Biblique Française“ umfangreiche Grabungen in Jerusalem. In der Populärliteratur heißt es mitunter irrtümlicherweise, sie habe in Jerusalem die 3000 Jahre alte Stadt von König David entdeckt, womit ihr einer der Aufsehen erregendsten Funde aus der Geschichte der Archäologie in Palästina gelungen sei. Unbestritten ist, dass sie durch ihre Forschungen erheblich zur Klärung der Geschichte Jerusalems beitrug.
1962 verließ Kathleen Kenyon die „British School of Archaeology“ in Jerusalem. Danach fungierte sie von 1962 bis 1973 als Direktorin am „St. Hugh’s College“ in Oxford. Während ihrer Amtszeit war sie eine tatkräftige Verwalterin und trug vor allem die Verantwortung für die ambitionierten Programme zur Expansion ihres Colleges. 1967 beendete sie in Jerusalem ihre Karriere als Ausgräberin.
In Biographien über Kathleen Kenyon heißt es, sie sei vermutlich keine große Gelehrte im konventionellen Sinn gewesen. Paradoxerweise litten ihre archäologischen Interpretationen häufig darunter, dass sie sich im Detail verlor. Doch ihre präzise Feldarbeit als Ausgräberin war berühmt. Zusammen mit Mortimer Wheeler entwickelte sie eine Grabungstechnik, die „Wheeler-Kenyon-Methode“ genannt wird. Ihre neuen Interpretationen in Büchern und Artikeln über die Archäologie in Palästina sowie über die Eisen- und Römerzeit in Großbritannien überzeugten.
Die ihr ganzes Leben lang unverheiratet gebliebene Kathleen Kenyon war keine volkstümliche Archäologin und konnte auch keine verantwortlichen Aufgaben delegieren. Sie besaß eine starke Persönlichkeit, zeigte sich oft fast starrköpfig, jedoch nie rücksichtslos. Ihre besondere Sympathie galt jungen Menschen, mit denen sie gern zusammenarbeitete. Auch Tiere mochte sie gern.
Mehrere Universitäten ernannten Kathleen Kenyon zum Ehrendoktor. 1960 wurde sie Ehrenmitglied des „Somerville College“ in Oxford und 1973 des „St. Hugh’s College“ in Oxford. Queen Elizabeth II. ernannte sie 1973 zur „Dame of the Order of the British Empire“. Manche ihrer Werke sind auch in deutscher Sprache erschienen: „Archäologie im Heiligen Land“ (1967) und „Jerusalem, Ausgrabungen 1961–1967“ (1968).
Während ihrer letzten Lebensjahre lebte Kathleen Kenyon in Erbistock bei Wrexham in Nordwales, wo sie Funde aus Jericho und Jerusalem aufarbeitete und untersuchte sowie über die Ausgrabungen in Palästina schrieb. Am 24. August 1978 starb sie im Alter von 70 Jahren in Erbistock.
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