Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:

Als Russlands größte Dichterin gilt die Lyrikerin Anna Achmatowa (1889–1966), geborene Anna Gorenko. Das Pseudonym „Achmatowa“, unter dem sie ihre Werke veröffentlichte, wählte sie in Anlehnung an ihre tatarische Großmutter. Ihre in einfacher und prägnanter Sprache verfassten Gedichte waren in ihrer Heimat jahrelang verboten. Deswegen nannte man sie „tragische Muse der russischen Poesie“.

Anna Gorenko wurde am 23. Juni 1889 als Tochter eines Marineoffiziers in Bolschoi Fontan bei Odessa (Ukraine) geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in der Gegend von Sankt Petersburg (Russland). Dort lebte sie unter anderem in Zarskoje Selo (Puschkin), der Sommerresidenz des russischen Zarenhofs, wo sie die exklusivste Schule besuchte. Sie war eine schlechte Schülerin, verfasste aber bereits als Elfjährige ihre ersten Gedichte.

Die Familie Anna Gorenkos zog 1905 nach Evpatoria, wo sie ein Jahr lang lebten und dann in die ukrainische Hauptstadt Kiew. Nach dem Verlassen des Funduklejew-Gymnasiums studierte das Mädchen zunächst Jura an der Frauenhochschule in Kiew sowie später Geschichte und Literatur in Sankt Petersburg.

Seit 1907 druckten verschiedene Zeitschriften Anna Achmatowas Gedichte ab. 1910 schloss sie sich den Akmeisten an, einer Gruppe russischer Lyriker, die als Reaktion gegen die Symbolisten entstand. Die Akmeisten forderten – vor allem in ihrer Zeitschrift „Appolón“ (1909–1917) – eine klare, rationale dichterische Sprache. Damit setzten sie sich von der geschraubten, nebelhaften Diktion der Symbolisten und von dem grellen Erneuerungspathos vieler Futuristen ab.

1910 heiratete Anna Achmatowa das geistige Haupt der Akmeisten, den russischen Dichter Nikolaj Gumiljow (1886–1921). Das Ja-Wort beendete eine Reihe von Selbstmordversuchen ihres Bewerbers, dem sie 1912 den Sohn Lew gebar. Der Ehemann unterschätzte ihre dichterische Begabung und beneidete sie zeitweise um ihre literarischen Erfolge. Es kam zur Trennung und 1918 zur offiziellen Scheidung. Gumiljow wurde im August 1921 während des Bürgerkrieges wegen Verdachts der Teilnahme an „konterrevolutionären Aktionen“ von der Tscheka erschossen.

Als zweiter Ehemann Anna Achmatowas folgte von Dezember 1918 bis 1922 der Assyriologe und Poet Val’demar Kazimirovic Schileiko (1891–1930). Auch die Ehe mit ihm scheiterte.

Anna Achmatowas erster Sammelband mit Gedichten trug den Titel „Der Abend“ (1912). Es folgten die Gedichtsammlungen „Rosenkranz“ (1914) und „Weiße Schar“ (1917). Mit diesen Veröffentlichungen gehörte sie vor der Oktoberrevolution 1917 zur Avantgarde der jungen russischen Dichtung. Doch dann warf man ihr Volksfremdheit und Dekadenz vor, weil sie der bolschewistischen Revolution äußerst reserviert gegenüberstand.

Die nächsten Sammelbände Anna Achmatowas mit den Titeln „Wegerich“ und „Anno domini MCMXXI“ (beide 1921) erschienen in Berlin. Obwohl in der Sowjetunion von ihr nichts mehr veröffentlicht werden durfte, lehnte sie eine Emigration mit ihrem Sohn Lew ab, arbeitete in der Bibliothek eines Agronomischen Instituts und als Übersetzerin.

1923 vermählte sich Anna Achmatowa zum dritten Mal. Ihr Gatte war der Kunsthistoriker N. N. Punin (1888–1953). Die Ehe mit ihm dauerte 15 Jahre lang bis 1938.

Vor Mitte der 1920-er Jahre studierte Anna Achmatowa die Architektur von Alt-Petersburg. Außerdem befasste sie sich mit dem Leben und Werk des russischen Dichters Alexandr Sergejewitsch Puschkin (1799–1837). Hierüber schrieb sie Bücher, ihre Gedichte schwieg man weiter tot.

Die schwerste Zeit ihres Lebens kam für Anna Achmatowa in den 1930-er Jahren, als man ihren Sohn verhaftete. In eisiger Kälte verharrte sie nach dessen Festnahme vor der Leningrader Gefängnisverwaltung, um Informationen zu erhalten. Ihr Sohn wurde zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. In ihrem Gedichtzyklus „Requiem“ schilderte sie den Schmerz russischer Mütter und Frauen, die wie sie auf Lebenszeichen ihrer dem Stalinterror zum Opfer gefallenen Söhne und Ehemänner warteten.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lebte Anna Achmatowa in Leningrad (Sankt Petersburg), dann evakuierte man sie nach Moskau und später Taschkent. Erst in den 1940-er Jahren sind auf persönlichen Befehl des kommunistischen Diktators Josef Stalin (1879–1953) – vermutlich nach Fürsprache bedeutender Künstler – wieder Werke von Anna Achmatowa gedruckt worden. Damals erschienen die Bände „Aus sechs Büchern“ (1940), „Die Weide“ (1940) und „Der Schwur“ (1941), die teilweise patriotische Gefühle ausdrückten.

Nach Kriegsende fiel Anna Achmatowa bei den Kommunisten erneut in Ungnade. Der Leiter der Propagandaabteilung des Zentralkomitees (ZK), Andrei Schdanow (1896–1948), beschimpfte sie unflätig: „Eine Hure und eine Nonne, bei der Pornographie mit Gebet verflochten ist.“ Die Lyrikerin erhielt von 1946 bis 1950 Schreibverbot. Fortan wanderten ihre Manuskripte auf Vorrat in die Schublade. 1953 starb ihr dritter Mann in einem Lager.

Während der Phase des politischen „Tauwetters“ in der Sowjetunion sah man immer öfter Verse von Anna Achmatowa in Zeitschriften. Bald erschienen auch wieder Sammelbände wie „Ruhm dem Frieden“ (1950), „Gedichte“ (1958), „Requiem“ (1963), „Poem ohne Helden“ (1960) und „Das Echo tönt“ (deutsch 1964).

1965 verlieh die Universität Oxford (Großbritannien) Anna Achmatowa die Ehrendoktorwürde. Auch in der UdSSR respektierte man in den letzten Lebensjahren ihre literarische Leistung. Nach langer Krankheit starb sie am 5. März 1966 im Alter von 77 Jahren in Moskau. Die Moskauer Zeitungen rühmten sie in Nachrufen als überragende Schriftstellerin.

1987 wurde Anna Achmatowas bereits erwähnter Gedichtzyklus „Requiem“, der schon 1937 entstanden war und in dem sie das Grauen des Stalinterrors beschrieb, in ihrer Heimat publiziert. Die Einleitung begann mit den Worten: „Es war die Zeit, da nur der Tote lächelte, froh über die Ruhe“. Der Literaturwissenschaftler Efim Etkind meinte, so lange habe noch kaum ein literarisches Werk auf seine Veröffentlichung warten müssen.

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