Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Eine der bedeutendsten Pianistinnen war die deutsche Klavierspielerin Elly Ney (1882–1968). Sie wurde als romantische Interpretin der Werke des Komponisten Ludwig van Beethoven (1770–1827) berühmt. Fast ihr ganzes Schaffen, Denken und Fühlen bewegte sich um diesen Großen der Musik. Oft brachte sie Menschen die klassische Musik nahe, die ansonsten wohl nie oder selten einen Konzertsaal betraten.
Elly Ney wurde am 27. September 1882 als Tochter des Feldwebels Jakobus Ney und der Musiklehrerin Anna Ney in einer Kaserne von Düsseldorf geboren. Der Vater diente beim „Niederrheinischen Füsilierregiment Nr. 39“. Auf Drängen seiner Frau, die nicht länger in der Kaserne leben wollte, nahm er später einen Verwaltungsposten in Bonn an und arbeitete als Standesbeamter.
Bereits als Fünfjährige erhielt die musikalisch begabte Elly Ney von ihrer Mutter regelmäßig Klavierunterricht. In jungen Jahren ging häufig das Temperament mit ihr durch, wenn sie am Flügel saß. Böse Zungen behaupteten, man habe manchmal die richtig getroffenen Noten zählen können. Obwohl sie nicht gerne übte, stieß sie einmal ihre Mutter vor dem letzten Satz vom Klavierhocker, als diese Beethovens „Mondschein-Sonate“ spielte, weil sie selbst das Werk vollenden wollte.
In Bonn besuchte Elly Ney neun Jahre lang eine höhere Töchterschule. Als Zehnjährige nahm man sie in die Meisterklasse des Kölner Konservatoriums auf, wo Franz Wüllner (1832–1902) als Direktor fungierte. Dieser hatte bei Anton Schindler (1798–1864), einem Gefährten des Komponisten Ludwig van Beethoven, Klavierunterricht bekommen und betrachtete sich als Sachverwalter Beethovens. Im Kölner Konservatorium kam Elly Ney in die Klasse des Klavierpädagogen Isidor Seiß (1840–1905).
Als 19-jährige Klavierstudentin gewann Elly Ney den „Mendelssohn-Preis“ der Stadt Berlin. Mit 20 Jahren erhielt sie in Köln den „Ibach-Preis“. 1902 trat sie zusammen mit der Geigerin Mimy Bussius und der Sängerin Carola Hubert in Den Haag (Niederlande) auf und erhielt mit acht „Vorhängen“ einen Applaus wie noch nie zuvor in ihrem Leben.
Nach einem Opernbesuch fuhr Elly Ney nicht nach Hause zurück, sondern reiste mit dem nächsten Zug nach Wien, wo sie bei dem Klavierpädagogen Theodor Leschetizky (1830–1915) ihr Studium fortsetzte, was ihr strenger Vater nicht erlaubt hatte. Weil Freunde Elly beim ersten Heimatbesuch spielen hörten und ihr sagten, sie sei auf dem besten Weg, eine „kalte“ Virtuosin zu werden, wechselte sie 1903 in Wien zu dem Klavierpädagogen Emil von Sauer (1862–1942). Im selben Jahr erwarb sie in Wien das „Diplom der Meisterschaft“.
Danach hielt sich Elly Ney kurz in ihrem Bonner Elternhaus auf, bevor sie den durch den Tod ihres früheren Lehrers Isidor Seiß freigewordenen Platz am Kölner Konservatorium einnahm, wo sie von 1904 bis 1907 als Lehrerin der Meisterklasse wirkte. Bald wurden jedoch die Anforderungen durch ihre Konzerte so groß, dass sie ihre Lehrtätigkeit beendete und sich ganz auf Konzerte spezialisierte.
1905 lernte Elly Ney in Köln den niederländischen Geiger Willem van Hoogstraten (1884–1965) kennen und machte mit ihm Kammermusik. Als van Hoogstraten erster Geiger in der Kurkapelle von Bad Schlangenbad im Taunus wurde, heirateten beide im August 1911 und errichteten dort ihr erstes Heim. Nach der Behandlung ihrer Neuralgien durch einen Schweizer Arzt, der seine Naturkost propagierte, entwickelte sich Elly Ney zur begeisterten Vegetarierin.
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 verlor Willem van Hoogstraten seine Stellung als Kurkapellmeister in Bad Honnef, und das Ehepaar Ney zog nach Bonn. Elly spielte damals in Krankenhäusern und Lazaretten und gründete mit Willem van Hoogstraten und dem schweizerischen Cellisten Fritz Otto Reitz (1885–1924) das „Elly Ney Trio“, das in den Niederlanden und in der Schweiz gastierte. Am 17. Juni 1927 verlieh die Stadt Bonn Elly Ney die Ehrenbürgerwürde.
1918 gebar Elly Ney ihre Tochter Eleonore. Die junge Mutter trat danach oft in Schloss Elmau (Bayern), einem Künstler- und Prominenten-Treffpunkt, auf, wohin sie ihr Kind mitnehmen konnte. Zwischen 1921 und 1930 gastierte sie alljährlich einmal in den USA, wo sie meistens Beethoven-Werke spielte. Auf diese Weise entwickelte sie sich zur berühmtesten Beethoven-Interpretin. Van Hoogstraten feierte in den USA als Dirigent Triumphe.
Nach der Trennung von ihrem ersten Mann 1928 verliebte sich Elly Ney in den amerikanischen Kohlenbergwerksdirektor Paul Allais (1895–1990) aus Chicago, der seit sieben Jahren zu ihren Konzerten nachgereist war. Ihn heiratete sie 1928, doch die Ehe hielt nicht lange.
1929 kehrte Elly Ney nach Europa zurück und hob mit dem Cellisten Ludwig Hoelscher (1907–1996) und dem Geiger Wilhelm Stross (1907–1966) erneut ein Trio aus der Taufe, mit dem sie viele Reisen im In- und Ausland unternahm. Damals mietete sie ein Haus in Tutzing am Starnberger See in Bayern, und ihre Tochter ging in Starnberg zur Schule. Von dort aus reiste Elly Ney zu Tourneen in Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich und Skandinavien.
Im Juni 1931 wurde erstmals Elly Neys Idee verwirklicht, in Beethovens Geburtsstadt Bonn ein „Beethoven-Fest“ zu veranstalten. Zur Zeit des „Dritten Reiches“ spielte Elly Ney regelmäßig bei den Reichsmusiktagen und hielt flammende Reden über den Auftrag der Musik und der deutschen Jugend im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie.
Von 1939 bis 1945 lehrte Elly Ney am Mozarteum in Salzburg. Während des Zweiten Weltkrieges zog sie sich allmählich aus den Konzertsälen zurück und spielte fast nur noch in Lazaretten und Genesungsheimen. Damals bezeichnete man sie als „Sendbotin in Sachen Musik“, „Künderin klassischer Schönheit“ und „Prophetin der Innerlichkeit“.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verließ Elly Ney immer wieder ihr Haus in Tutzing, um in Zuchthäusern, Gefängnissen und Flüchtlingslagern aufzutreten und um auf Konzertreisen zu gehen. Im Juli 1950 verhinderte der Stadtrat von Bonn wegen der Sympathien Elly Neys für den Nationalsozialismus einen Auftritt seiner Ehrenbürgerin. Anfang Oktober 1951 wählte man Elly Ney zur Ehrenpräsidentin der Bonner „Gesellschaft der Musikfreunde“. Bis Mitte November 1951 erspielte die Pianistin etwa 30000 Mark für den Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bonner „Beethoven-Halle“.
Wenn Elly Ney im reiferen Alter Beethoven spielte, schien sie ihm äußerlich ähnlich zu werden. Ihre Stirn legte sich in Falten, Kinn und Unterlippe schoben sich vor, der Rücken krümmte sich und ihr üppiges graues oder bereits weiß gewordenes Haar wurde zur Beethoven-Mähne.
Noch Ende Januar und Anfang Februar 1952 lehnte der Bonner Stadtrat einen Antrag der „Freien Demokratischen Partei Deutschlands“ (FDP), der die Aufhebung der Auftrittsbeschränkungen für Elly Ney forderte, mit der Begründung ab, sie sei eine „prononcierte Nationalsozialistin“ gewesen. Erst im Mai 1952 söhnten sich Elly Ney und die Stadt Bonn aus: Man lud die Pianistin zur Gedenkstunde zum 125. Todestag Beethovens nach Bonn ein. Im selben Jahr wurde sie in Tutzing zur Ehrenbürgerin ernannt.
1952 kam Elly Neys Werk „Ein Leben für die Musik“ heraus, dessen dritte Auflage den Titel „Erinnerungen und Betrachtungen“ (1957) trug. 1956 erschien das Buch „Begegnung mit Elly Ney“ aus der Feder der wegen Kinderlähmung an den Rollstuhl gefesselten lettischen Autorin Zenta Maurina (1897–1978), die seit langem eine gute Freundin der Pianistin war.
Das letzte Konzert von Elly Ney fand am 9. März 1968 in Darmstadt (Hessen) statt. Kurze Zeit nach ihrem letzten Auftritt zog sie sich wegen schwerer Krankheit in ihr Haus in Tutzing zurück. Dort lebte sie seit vielen Jahren mit ihrer Tochter und den drei Enkelinnen Saskia, Klaudia und Monika, deren musikalische Ausbildung sie streng überwachte.
Am 31. März 1968 starb Elly Ney im Alter von 85 Jahren in Tutzing am Starnberger See an Herzschwäche und Lungenversagen. In einem ihrer vielen Nachrufe hieß es, sie sei ein „Phänomen in vieler Hinsicht, an Talent, Vitalität, spontanem Temperament, an gutgläubigem Idealismus, an Generosität“ gewesen. Niemals habe sie etwas mit halbem Herzen getan.
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